Wetter

Die Faszination "Wetter" hat für mich früh angefangen. Ich glaube noch heute diese Sommertage riechen zu können, an denen schier die Zeit stillzustehen schien. Heiss. Klebrig. Und am Abend dann diese milchigen Schleier, welche von Frankreich her über den Jura heranzogen. Damals hatte ich nicht die leiseste Ahnung von den meteorologischen Zusammenhängen und schon nach kurzer Zeit folgten die dunklen Wolken, erste Blitze, Donnergrollen. Und immer dann, wenn mein Vater am Fenster stand und dem Treiben der Gewitter draussen zusah, wusste ich: "so schlimm kanns nicht sein". Als ehemaliger Bauernsohn war er vom Wetter nicht so leicht aus der Fassung zu kriegen, ausser...

...ausser er sah besorgt in den Himmel und schloss die Fenster. Dann wusste ich: "Es ist ernst". Nur eines konnte ich überhaupt nicht begreifen: Wie in aller Welt konnte er zwischen normalem Gewitter und krasser Gewitterlinie unterscheiden? Wie sah er das? Wann war ein Gewitter gefährlich und wann nicht?

Das selbe im Winter, wenn ich mich ungemein auf Schnee freute und es dann wirklich zu Schneien begann. Ich hätte ihn ... naja, das sage ich jetzt hier besser nicht - wenn er meine Freude mit einem einzigen Satz zunichte Machte: "Das wird nichts, bald wirds regnen". Wie in aller Welt konnte er das schon vorher wissen? Mein schöner Schnee...

Damals war ich ein kleiner Knirps. Es gab weder ausführliche Wetterberichte noch Internet, noch Computerkarten, noch Satellitenbilder. Es gab keinen Regenradar und auch sonst herrschte betreffend Wetter und im Vergleich zu heute eine Informationswüste. Einwenig später, im Schulalter, begann ich das Wetter aufzuzeichnen. Ich erstellte Tabellen und kopierte diese im Kaufhaus auf dem öffentlichen Kopierer mit meinem Sackgeld. Auch wenn ich nicht immer der Zuverlässigste war: Die Wetterinträge waren mir fast heilig.

Später schnitt mir mein Bruder Max aus seiner Zeitung die abgedruckten Wetterberichte aus, ich klebte sie zur Dokumentation ein. Auch diese Dinge besitze ich heute noch und gucke sie mir ab und zu an. Es folgten die Lehrjahre und ich erhielt von meiner Mutter ein Abo der Fotorotar AG geschenkt. Jeden Tag ein gedruckter Wetterbericht mit Wetterkarte und Messwerten per Post - wow!

Internet gab es immer noch nicht - aber ich hatte meine Lehre als Elektroniker beendet und kam irgend einmal in einem Labor der damaligen Autophon mit der Zeitschrift "UKW-Technik" in Kontakt. Nebst der üblichen HF-Technik für Funkamateure, begann die Zeitschrift mit dem Abdruck einer Bauanleitung für den damaligen geostationären Wettersatelliten Meteosat-2. Ich traute meinen Augen nicht! Selber Satellitenbilder empfangen und auf einem Monitor angucken - für einen Wetterfreak Weihnachten und Ostern zusammen.

Der Wunsch und die Begeisterung sind eines - das Realisieren das Andere. Ich begann die Anleitungen eifrig zu sammeln. Wobei das Wort "eifrig" etwas übertrieben ist: Das Heft erschien leider nur alle 3 Monate. ich zeichnete Schemata, überlegte alles im Detail und plante, alles von Grund auf in einem Systremrack einzubauen. Die HF-Teile Wassergeschützt direkt beim Empfangsparabolspiegel.

Nach ca. 2 Jahren Bauzeit war es so weit. Ich sah mein erstes Satellitenbild auf dem kleinen Monitor! Sogar der Parabolspiegel war selbst gebaut. Einen Teil der Elektronik habe ich bis heute aufgehoben.

Heute - nach 35 Jahren Wetterhobby (mal mehr, mal weniger intensiv), ist alles digitalisiert, automatisiert. Wenn in Florida ein phänomenaler Blitz fotografiert wird, weiss man das in Europa wenige Minuten später. Wenn in Schottland ein Sturm fegt, dann sieht man die Schadensbilder sofort auf den Newsportalen. Alles ist immer und überall online. Satellitenbilder werden im Internet in gestochen scharfer Qualität zur Verfügung gestellt. Alle 6 Stunden werden die Computerberechnungen erneuert und rechnen die nächsten 15 Tage in verschiedenen Varianten - dargestellt als fixfertige Grafiken.

Früher habe ich das Wetter 3x am Tag aufgeschrieben und gemessen. Heute misst meine automatische Wetterstatione alle paar Sekunden die Werte und macht daraus 10 Minuten-Pakete. Sie misst das Wetter also 144 Mal am Tag. Ununterbrochen, nichts entgeht ihr. Die Daten werden direkt aus der Wetterstation geholt, ins Internet in eine cloud geladen und dort in einer Datenbank gespeichert. Ein raffiniertes Interface ermöglicht die on-demand-Darstellung der Daten im Internet. Fixfertige dynamische und interaktive Grafiken.

Prinzipiell kann man heute im dunklen Keller vor einem Monitor sitzenbleiben und kann das Wetter dennoch komplett mitverfolgen. Webcams, automatische Wetterstationen, Onlinedaten, Satellitenbilder und Regenradar ermöglichen einem, sich ein komplettes Bild vom Wetter vor der Haustüre zu machen.

Und dennoch...

Trotz all der Technik und all den "features"  ist von meiner damaligen Faszination an der realen Natur eigentlich nichts verloren gegangen. Auch mit der teuersten Technik und den ausgefeiltesten Computermodellen ist eines nicht zu ersetzen: Das Bauchgefühl, die Erfahrung, die Intuition. Im Wetterforum schreibe ich oft: "Mein Urin hat mir gesagt, dass...".

Es ist der Blick in die Wolken, die Windrichtung am Boden und in der Höhe... der Eindruck des Gesamtwolkenbildes. Ein Geruch in der Luft, ein spezieller Geruch vom Waldboden oder einem Acker. Das Verhalten von Tieren. Der Klang der Umgebung, wenn es schneit.

35 Jahre ... und heute sind es oft meine Worte: "Nein nein, das wird nichts, bald kommt es regnen".